Zur heutigen öffentlichen Anhörung des Forschungsausschusses zum Gesetzentwurf der Bundesregierung zur Reform des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes erklärt Ayşe Asar, forschungspolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen:
„Dieser Entwurf regelt, wie lang der erste Vertrag nach der Promotion mindestens ist. Er regelt nicht, was danach kommt. Zwei Jahre Erstvertrag bedeuten, dass die Unsicherheit mit den weiteren Möglichkeiten der Kettenbefristung einfach zwei Jahre später beginnt.
Die Zeit nach der Promotion ist die Phase, in der sich entscheidet, wer in der Wissenschaft bleibt. Sie fällt mit der Familiengründung zusammen, und sie trifft Frauen am härtesten: Bei den Promotionen liegt der Frauenanteil bei 46 Prozent, bei den Professuren unter 30 Prozent. Dazwischen liegen Jahre der Befristung, in denen jeder Vertrag vom Wohlwollen der Vorgesetzten abhängt. Wer in dieser Zeit ein Kind bekommt oder Angehörige pflegt, verliert den Anschluss. Der Entwurf verlängert die Schutzklauseln, das ist richtig. Aber die lange Phase der Unsicherheit bleibt.
Die Bundesregierung sagt, die Einrichtungen sollen das selbst richten. Das war 2016 schon der Ansatz, und die Evaluation 2022 hat gezeigt, dass er nicht funktioniert. Keine Hochschule kann allein aus dem bestehenden System ausbrechen: Wer entfristet, bindet Mittel, die die Nachbarhochschule flexibel hält, und steht im Exzellenzwettbewerb, bei Drittmitteln und Berufungen im nationalen Kontext schlechter da. Das ist ein Problem der Spielregeln, nicht des guten Willens. Spielregeln ändern Bund und Länder. Der Wissenschaftsrat hat mit den Stimmen des Forschungsministeriums und aller 16 Länder beschlossen, dass der Bund und die Länder Dauerstellen gezielt fördern und den Umbau anstoßen sollen. Nichts davon steht in diesem Gesetz, und die im Koalitionsvertrag versprochene Mittelbaustrategie liegt ebenfalls nicht vor.
Deutschland befristet Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler länger als jedes vergleichbare Land. Wir bilden Promovierte mit öffentlichem Geld aus und verlieren die Mehrheit nach Jahren der Befristung mitsamt ihrem Wissen. In einer Zeit, in der Europa technologisch souveräner werden muss und Forschende aus den USA nach Europa schauen, ist das weder wirtschaftlich noch resilient. Ein Land, das seine Forschungskompetenz alle drei Jahre neu rekrutieren muss, kann in keiner Krise auf sie zählen. Bis 2033 werden 17.000 Professuren frei. Das ist die Chance, das Wissenschaftssystem einmal umzubauen, statt es Stelle für Stelle zu reproduzieren. Dieser Entwurf lässt sie liegen.“